Goerdelers Ehre
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2011, Nr. 264, S. 33
Peter Hoffmann rehabilitiert den Widerständler
LONDON, 11. November
Wenn ein gestandener Historiker und Kenner der deutschen Widerstandsbewegung wie Peter Hoffmann von der McGill University in Montreal ein Buch schreibt über eine derart heikle Frage wie Carl Friedrich Goerdelers Einstellung zur "Judenfrage", würde man meinen, dass dies in Deutschland auf lebhaftes Echo träfe. Umso mehr, als es um den führenden Kopf der bürgerlichen Opposition eine lange Kontroverse gab. In seiner umstrittenen Denkschrift "Das Ziel" hatte Goerdeler Vorstellungen über eine gesetzliche Regelung der "Judenfrage" formuliert, die ihm sogar den Vorwurf des Antisemitismus einbrachten - von Historikern wie Christof Dipper und Hans Mommsen.
Mit seiner Studie "Carl Goerdeler and the Jewish Question 1933-42", im Juli bei der Cambridge University Press erschienen, tritt Peter Hoffmann insbesondere der Darstellung von Goerdelers politischem Denken entgegen, die Dipper 1983 in seinem Habilitationsvortrag "Der Deutsche Widerstand und die Juden" formuliert hatte. Im Deutschen Historischen Institut in London hat Hoffmann nun die Befunde seiner Forschungen in einem Vortrag zusammengefasst, nüchtern, bündig und ohne jeden Zweifel zu lassen an seiner Kritik der Goerdeler-Kritik. An die Notwendigkeit erinnernd, die Äußerungen und Schriften in den Kontext der Zeit und der Umstände zu stellen, statt sie aus der Sicht von heute zu betrachten, schilderte Hoffmann die persönlichen Umstände, die Goerdelers Einstellung prägten: zum einen die ostpreußische Herkunft, die ihn überzeugte, dass Deutschland wieder aufrüsten müsse, um den polnischen Korridor zurückzugewinnen und die deutsche Ostfrage zu bereinigen; zum anderen die von Polen verübten Greueltaten gegen die Juden, die er im Ersten Weltkrieg an der Ostfront erlebt hatte.
Hoffmann sieht in Goerdelers Schriften und Handlungen drei Etappen. Da ist zunächst der Oberbürgermeister von Leipzig, der sich gegen die Verfolgung der Juden einsetzte. Dabei geriet er wiederholt mit seinem nationalsozialistischen Stellvertreter Rudolf Haake aneinander, dessen Befehl, das Denkmal von Felix Mendelssohn Bartholdy abzureißen, Goerdeler denn auch zum Rücktritt veranlasste. Danach habe er versucht, seine Position zu nutzen, um das Regime zu einer Änderung der Judenpolitik zu bewegen. Sein Argument: Die wirtschaftliche Kooperation des Auslandes hänge von einer humanitären Behandlung der jüdischen Bevölkerung ab.
Später dann habe Goerdeler sich bemüht, auf die britische Regierung einzuwirken. Sie solle Druck ausüben und damit einen Regimewechsel fördern. Er stieß mit solchen Gedanken auf dieselbe erschütternde Gleichgültigkeit wie Adam von Trott zu Solz. Schließlich sei er für eine internationale Lösung eingetreten, die er in der erwähnten Denkschrift "Das Ziel" erläuterte. Hoffmann, der an einer erweiterten deutschen Fassung seines Buches arbeitet, legte dar, dass Goerdelers Ruf nach Mäßigung etwa in der Frage der Zwangsemigration keineswegs als grundsätzliche Zustimmung dieser Politik zu werten sei, und hob Goerdeler als die einzige nationalkonservative Figur der Widerstandsbewegung hervor, die konsequent versucht habe, die Juden zu schützen.
GINA THOMAS


