FEUILLETON Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2008, Nr. 94, S. 35


Welcher Mann des 20. Juli ist uns noch gut genug?
Die Freiburger Universität will Gerhard Ritter vergessen
 
Die "Badische Zeitung" in Freiburg überraschte ihre Leser jüngst durch die Mitteilung, sie werde den von ihr gestifteten und mit dem Namen des großen Freiburger Historikers Gerhard Ritter (1888 bis 1967) geschmückten Preis zur Auszeichnung hervorragender geschichtswissenschaftlicher Arbeiten künftig unter einem anderen Namen, dem der Zeitung, vergeben, und dann auch nicht länger nur für historische, sondern für jegliches Fach der Geisteswissenschaften - sofern, wie der Herausgeber der Zeitung, Christian Hodeige, einem der Kritiker schrieb, es sich um Themen im Verbreitungsgebiet der "Badischen Zeitung" handele. Der Preis ist mit der eher bescheiden anmutenden Summe von 2500 Euro dotiert.

Niemand in Freiburg bestreitet dem Verlag das Recht, mehr als bisher auf seine Hausinteressen zu achten, so wie er sie versteht. Da der Preisträger aber nach wie vor von einer Kommission der Universität ausgewählt wird, war die Zustimmung der Universität zu der Umwidmung erforderlich. Der scheidende Rektor, der Politologe Wolfgang Jäger, erteilte sie, fotografisch in der Zeitung abgebildet, in einer seiner letzten Amtshandlungen vor der Übergabe des Rektorats an den (inzwischen als Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts nominierten) Verwaltungsrechtslehrer Andreas Voßkuhle.

Der Vorgang stößt auf einigen Widerspruch in der Universität, am vernehmlichsten äußerten sich Wilhelm Hennis und evangelische Kreise der Stadt, vor allem wegen der Nachgiebigkeit der Universitätsspitze gegenüber der politischen Begründung der Umwidmung durch den Verleger/Herausgeber: Gerhard Ritter, schrieb die Zeitung, habe während des Nationalsozialismus zu den wenigen oppositionellen Freiburger Professoren gehört; "allerdings befürwortete der Nationalkonservative eine aristokratische Staatsform und sah die Schwäche der Weimarer Republik in einer überbordenden Demokratie", und das passe nun nicht zur Grundhaltung der Zeitung.

Der evangelische Prälat Gerd Schmoll schrieb der "Badischen Zeitung", es treffe zu, dass Gerhard Ritter ein "Nationalkonservativer" gewesen sei und seine Vorstellungen zu Staat und Gesellschaft mit heutigen Überzeugungen nicht einfach übereinstimmten. Aber das sei ein allzu unhistorisches Urteil über den Historiker Ritter, über den engagierten evangelischen Christen in der Gemeinde der Freiburger Christuskirche (dies war in der NS-Zeit die Gemeinde der Bekennenden Kirche) und über das Mitglied des mit Carl Friedrich Goerdeler verbundenen Widerstandskreises evangelischer Freiburger Professoren. Diesem Kreis gehörten auch Walter Eucken, Constantin von Dietze und Adolf Lampe an, die Kerngruppe des Freiburger Ordo-Liberalismus. Ritter, von Dietze und Lampe wurden nach dem 20. Juli 1944 wegen ihrer Verbindung zum Verschwörerkreis festgenommen und in das Gefängnis Berlin-Moabit eingeliefert. Sie kamen mit knapper Not davon.

Im Jahr 1954 veröffentlichte Ritter seine Biographie Goerdelers, eine Pionierarbeit der deutschen Widerstandsforschung. In vier umfangreichen Bänden unter dem Titel "Staatskunst und Kriegshandwerk" legte er Untersuchungen zum Problem des preußisch-deutschen "Militarismus" vor, mit denen er seinen Beitrag zur kritischen Revision des deutschen Geschichtsbildes leistete.

Ähnlich wie Schmoll haben sich auch der ehemalige Propst der Evangelischen Kirche in Israel und in den von Israel besetzten Gebieten der Palästinenser, Karl-Heinz Ronecker, und mit ihm mehr als dreißig Angehörige des Seniorenpfarrkonvents des Freiburger Kirchenbezirks an den Herausgeber der "Badischen Zeitung" und den bisherigen Rektor der Universität, Jäger, gewandt. "Soll nun auch noch", fragt man, "die Erinnerung an Gerhard Ritter ausgelöscht werden, weil er unseren gegenwärtigen Vorstellungen von Demokratie nicht entspricht? Wer von den Frauen und Männern des 20. Juli könnte dann noch, an diesem Maßstab gemessen, bestehen?" Mit diesem Einwand macht Ronecker ebenso zurückhaltend wie treffend auf die Armseligkeit einer in Deutschland um sich greifenden Art der "Vergangenheitsbewältigung" mittels allgemeiner Mitläufer-Verdächtigung aufmerksam, selbst gegenüber den entschiedensten Gegnern Hitlers. Die Verdächtiger bemerken nicht, dass sie selbst im Strom heutiger Verständnis- und Risikolosigkeit mitschwimmen.

GÜNTHER GILLESSEN
 
 
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