Bericht zur XXXI. Königswinterer Tagung erschienen

Hatten Anpassung und Passivität als Ergebnis ihrer langen Verfolgungsgeschichte dazu geführt, dass die Juden Europas gegen die NS-Vernichtungspolitik keinen Widerstand leisteten? Dieser oft vorgebrachten Ansicht wollte die Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 auf ihrer XXXI. Jahrestagung zum Thema „Jüdischer Widerstand und der Widerstand und die Juden“ nachspüren. Wie ein _jüdischer Widerstand_ zu fassen wäre, welche verschiedenen Ausdrucksformen und Handlungsräume _jüdischen Widerstands_ es überhaupt geben könnte und inwiefern der „deutsche Widerstand“ sich mit der „Judenfrage“ befasste, waren erkenntnisleitende Fragestellungen der Tagung.

Golda Meir sei mit ihrer flüchtlingsfreundlichen Haltung ein Störfaktor auf der internationalen Flüchtlings-Konferenz von Evian im Jahre 1938 gewesen, berichtete JOCHEN THIES (Berlin) in seinem Einführungsvortrag „‘Ich hatte Lust aufzustehn und sie alle anzuschreien!‘ (Golda Meir) – Die Konferenz von Evian (1938) zwischen prinzipieller Nichteinmischung und moralischem Versagen.“[1] 32 Staaten versuchten nach dem „Anschluss“ Österreichs und einer rapide gestiegenen Zahl an Ausreisewilligen deutschen Juden, sich auf einen gemeinsamen Umgang in der Flüchtlingspolitik zu einigen. Thies versteht die Konferenz als „Nicht-Ereignis“, er bewertet sie in ihren Ergebnissen als „Nichteinmischung“ und als „moralisches Versagen“. Alsdann beschrieb er detailliert die einzelnen Positionen der Delegationen aus Europa und Asien, die jeweils die andere Seite in der Pflicht der Aufnahme von Flüchtlingen gesehen hätten. Keiner der Unterhändler sei aus der ersten Reihe der Politik gekommen, keines der Länder sei letztendlich zu einer Aufnahme von Flüchtlingen bereit gewesen, die Presse habe entsprechend vernichtend kommentiert. Meirs Aufschrei, führte Thies zum Ende seines Vortrages aus, sei im Hinblick auf die Flüchtlingsfragen der Gegenwart ein Vermächtnis, das eher zum Handeln als zum Warten rät.

Der Geschichte des Antisemitismus näherte sich FRANK-LOTHAR KROLL (Chemnitz) über die begriffliche Ebene. Im Kaiserreich entstanden, habe der Antisemitismus zunächst eine Subkultur gebildet. Forderten seine Anhänger zuerst rechtliche, politische und gesellschaftliche Einschränkungen, so habe der Begriff nach dem Ersten Weltkrieg, bei den Besiegten „die Wasserscheide“, eine Radikalisierung und Brutalisierung erfahren, die schließlich im Vernichtungswahn des Nationalsozialismus endete. Diese moralische Enthemmung durch die Idee einer „jüdischen Weltrevolution“ wurde als paranoider Antisemitismus benannt. Als Beispiele für diese Entwicklung führte Kroll den Roman „Die Sünde wider das Blut“ von Arthur Dinter (1918), das Parteiprogramm der NSDAP (1920) sowie Hitlers rassische, Goebbels‘ antikapitalistisch-antibürgerliche und Rosenbergs religiöse Anschauungen an.[2] Die rassenideologischen Überlegungen der Minderwertig- und Schadhaftigkeit der Juden habe in den Holocaust geführt, welcher als „Erlösung der Welt durch Vernichtung“ propagiert wurde.

Die Stufenentwicklung der „Konstruktion des Juden“ von der Rassentheorie Joseph Arthur de Gobineaus über den _Sozialdarwinismus_ bis hin zur Umsetzung in politische Realität durch den modernen Antisemitismus letztendlich bei den Nationalsozialisten zeigte MAGNUS BRECHTKEN (München) auf. Dabei habe sich das Rassenbild von einer Verschiedenartigkeit zu einer Verschiedenwertigkeit transformiert, die auf einem „Überlebenskampf“ im „entweder oder“ beruhte. Die kumulative Radikalisierung des Judenhasses habe sich zuerst in der Alltagspraxis gezeigt, dann in verschiedenen Stufen mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ und den „Nürnberger Rassegesetzen“ stattgefunden; sie spiegele sich ebenfalls in den Wörterbüchern der Zeit wider. Zudem habe sich das Verständnis antisemitischer Politik in letzter Konsequenz von einer forcierten Emigrationspolitik zu einer territorialen und schließlich der genozidalen „Endlösung“ gewandelt.

Weil aus Krankheitsgründen nicht anwesend, musste der Vortrag von PETER STEINBACH (Mannheim) über die begriffsgeschichtlichen Eigenheiten des _jüdischen Widerstandes_ verlesen werden. In der Vergangenheit habe sich gezeigt, dass Definitionen von Widerstandsbegriffen immer auch Widerspruch hervorgerufen hatten: Bis in die 1980er Jahre galt dieser so gut wie exklusiv für Akteure, die das Regime zu stürzen versucht hatten. Diese Definitionen konnten allerdings alltägliche Handlungsdimensionen wie den sogenannten „Rettungswiderstand“ nicht erfassen und sparte die Perspektive auf den Widerstand abseits derjenigen Akteure aus, die aufgrund ihrer Funktion im inneren des NS-Staates überhaupt die nötige Position zum Umsturz gehabt hatten. Die Arendt’sche Frage nach Verantwortung und Kooperation seitens der Juden während des Holocaust habe die bisher deutlich scheinende Betrachtung von Opfern und Tätern verzerrt, eröffnete aber gleichzeitig neue Perspektiven auf ausdifferenzierte Rollen im Widerstand. Die Frage nach der Selbstbehauptung der Juden verweise gleichzeitig auf die Frage nach der Fähigkeit von Nichtjuden, den Zuschreibungen des Antisemitismus nicht zu folgen. Steinbach konstatierte, dass die Mehrheit der Menschen im _Dritten Reich_ die Überwindung zur Gegenwehr nicht aufgebracht habe. Dies erkläre die geringe Anzahl an dokumentiertem alltäglichem Widerstand.

In die Nachmittagssektion führte STEPHAN LEHNSTAEDT (Berlin) mit einem Vortrag zu jüdischen Handlungsoptionen im Angesicht der Vernichtung ein. Die Kernthese seiner Ausführungen, Juden hätten sich trotz des deutschen Staatsziels, alle europäischen Juden zu ermorden, nicht widerstandslos einer Opferrolle ergeben, erörterte er anhand des Aufstands im Warschauer Ghetto 1943 und der Irrationalität der Vernichtungsbedrohung. Trotz extremer Gefahr sei es Juden im Ghetto gelungen, eine Sozialfürsorge für die absolut Armen zu organisieren und Beweise für eine spätere Strafverfolgung der Täter zu sammeln. Weiter habe der bewaffnete Aufstand 1943 aus mehreren Kleingruppen bestanden und sei nicht generalstabsmäßig organisiert gewesen. Den Vorwurf, _jüdischer Widerstand_ habe sich zu spät formiert, entkräftete der Referent. Juden habe aufgrund der Bedeutung ihrer Arbeit für die deutsche Kriegsführung nicht bewusst sein können, dass ihnen auch arbeitend die Vernichtung gedroht hatte. Als bekannt wurde, dass das Regime die Vernichtung auch der im Arbeitseinsatz befindlichen Juden erstrebte, seien die wenigsten Juden passiv geblieben. Dies habe sie von der Mehrheit der Deutschen unterschieden.

In ihrem Vortrag „Überleben im Untergrund – Der Kampf um Existenz und Menschenwürde“ stellte BEATE KOSMALA (Berlin) die Situation der Juden in Deutschland und Polen ab 1941 dar. Anknüpfend an die vorherigen Vorträge wurde die systematische Deportation der Juden ab Oktober 1941 beschrieben. In Polen lebten zu Kriegsbeginn über 3,3 Millionen Juden, während es zum selben Zeitpunkt in Deutschland nur noch um die 200.000 waren. Das Leben in der Illegalität sowie die Ereignisse während der Deportationswellen stellten teils so hohe psychische wie physische Belastungen dar, dass die Suizidrate enorm angestiegen sei. Von nationalsozialistischer Seite wurde diese Deportation mit Euphemismen wie „Evakuierung“, „Aussiedlung“ oder „Abwanderung“ umschrieben. Zwar sei Emigration noch bis Oktober 1941 in der Theorie möglich gewesen, doch fehlten hierfür in der Praxis meist die finanziellen Mittel, sodass vor allem die in Polen lebenden Juden ihrem Schicksal ausgesetzt blieben. Einige Schicksale wurden während des Vortrages dargestellt, um ganz individuelle Bilder vom Leben im Untergrund zu erhalten.[3]

Über den _jüdischen Widerstand_ in Polen sprach MILENA MIGUT (Hamburg/Wroclaw) und beschrieb diesen als „doppelte Front“: Das heißt zum einen der Kampf gegen die deutsche Besatzung und zum anderen gegen die „Endlösung“. Obwohl die meisten Juden relativ schlecht in die polnische Gesellschaft integriert gewesen seien, sei es bei Kriegsbeginn 1939 zu einer intensiven polnisch-jüdischen Zusammenarbeit unabhängig der Konfession bis zur Ghettoisierung im April 1940 gekommen. Anhand vielfältiger Beispiele zeigte Migut auf, dass _jüdischer Widerstand_ in den Ghettos nicht verengt auf bewaffnete Aktionen wahrgenommen werden sollte, sondern auch die Pflege von kulturellen Gewohnheiten als Ausdruck, sich nicht in die nationalsozialistische Weltsicht einzufügen, dazu gehörte. Darüber hinaus bestanden mehrere jüdische Selbsthilfeorganisationen.

Carl Goerdelers Haltung gegenüber den Juden gehört zu einer klassischen Beschäftigung mit dem Widerstand, wie MANUEL LIMBACH (Koblenz) über einen der bekanntesten Köpfe der zivilen Opposition gegen Hitler feststellte. Insbesondere die frühe Forschungsgeschichte zur Rolle der Juden im Denken Goerdelers sei schwierig. Geprägt wurde dieser in seiner Heimat Posen, von einer eigenen Vorstellung von „Deutschtum“ und dem als Zusammenbruch wahrgenommenen Ende des Ersten Weltkriegs. Als Konservativer habe Goerdeler bis zu seinem Lebensende Vorbehalte gegen Juden gepflegt, die er in persönlicher Erfahren als Gegner eines starken Deutschlands kennen gelernt haben will. Die „Judenfrage“ habe für ihn keine große Rolle gespielt, der weitere Umgang mit Judenfeindschaft zeige sich bei ihm jedoch amivalent: Die antisemitische Haltung vieler Deutschnationaler hatte er nicht kritisiert, sich jedoch gegen radikale Maßnahmen der NS-Judenpolitik im Rahmen der von ihm ausgeübten politischen Tätigkeiten gewehrt.

Unter dem Titel „'Man kann nicht so viel Blutvergießen erleben und davon unberührt bleiben!' - Judenmord als Widerstandsmotiv beim Militär“, begann ROMEDIO GALEAZZO GRAF THUN-HOHENSTEIN (Salzau) seinen Vortrag mit dem Hinweis auf die Quellenprobleme in der Widerstandsforschung. Schwerlich seien die Beweggründe der Widerständler zu ergründen, zudem hätten jene selbst nicht immer vollends über diese Motive Bescheid gewusst. Er wies darauf hin, dass eine moralische Bewertung der individuellen Motivations- und Bewusstseinsebenen der Akteure in der Rückschau zudem in moralischer Dimension umso problematischer erscheine und unter konstruierten Umständen geschehe: Der Historiker könne sich nicht hinstellen und sagen, er habe das Skalpell in der Hand und mit diesem Skalpell lege er die Motive frei. Beispielsweise sei eines der zentralen Ziele des „deutschen Widerstands“ die Wiederherstellung des Rechts gewesen, was in heutiger Perspektive nach wenig klänge, den Zeitgenossen aber ein wesentliches Anliegen gewesen war.

Den inhaltlichen Teil der Tagung beschloss ANNA RAPHAELA SCHMITZ (München) mit einem Beitrag zur „Judenfrage“ in den Überlegungen des Kreisauer Kreises. Die Mitglieder der Widerstandsgruppe um Moltke und Wartenburg seien demnach durch ihre beruflichen Positionen etwa im Amt Abwehr früh über Judenvernichtung und Kriegsverbrechen im Osten informiert gewesen, wobei sie selbst in Opposition zum rassischen Antisemitismus des Nationalsozialismus gestanden hätten. Die Referentin erklärte, die Judenvernichtung habe die Kreisauer in ihrer Widerstandstätigkeit zwar bestärkt. Deren Hauptmotivation sei jedoch die Wiederherstellung der Herrschaft des Rechts und die Bestrafung der Kriegsverbrecher nach Recht und Gesetz gewesen. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten hätten die Mitglieder des Kreises versucht, geplante Verbrechen an Juden abzuwenden oder abzumildern.

Die Beiträge der XXXI. Tagung der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 haben gezeigt, dass die Beschäftigung mit den Themen „jüdischer Widerstand“ und „der Widerstand und die Juden“ keinesfalls beendet oder ausgeforscht sind. _Jüdischer Widerstand_ während des Holocaust stellte sich als vielschichtiges Phänomen dar, das von bewaffneten Aufständen über kulturelle Selbstbehauptung bis zur Selbsthilfe der Juden untereinander zu erkennen ist. Auch gezeigt hatte sich, dass Erfahrungen, welche auf die Ernsthaftigkeit der Ziele der NS-Vernichtungspolitik hindeuteten, die Bereitschaft zu widerständigem Verhalten beeinflussten. Bestehen blieben die klassischen Fragestellungen nach Akteuren und Handlungsspielräumen des Widerstandes gerade bei Juden, da diese als erklärte weltanschauliche Gegner des Regimes bereits früh und umfassend in eine prekäre Lage gebracht wurden. Der „deutsche Widerstand“ haderte zwar mit der „Judenfrage“, wurde im Wissen um die NS-Judenpolitik aber in seinen Zielen bestärkt, das Regime zu stürzen oder für eine Zeit zu planen, in der die Herrschaft des Nationalsozialismus durch eine solche des Rechts ersetzt werden würde.

Fußnoten:

[1] Vgl. Jochen Thies, Evian 1938. Als die Welt die Juden verriet, Essen 2017.

[2] Vgl. Frank-Lothar Kroll, Utopie als Ideologie. Geschichtsdenken und politisches Handeln im Dritten Reich, Paderborn 1998 (online abrufbar unter http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00046087_00001.html; 6.5.2018).

[3] Vgl. Beate Kosmala, Stille Helden, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 14-15/2007, S. 29-34 (online abrufbar unter https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30533/nationalsozialismus; 6.5.2018).

Beiträger: Christian Dolff/Julia Gehrke/Daniel Müller/Gabriel Rolfes, Institut für Geschichtswissenschaft, Abteilung für Geschichte der Neuzeit, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Veranstaltungstitel: „Mit jedem Leben, das wir retteten, bekämpften wir Hitler!“ – Jüdischer Widerstand und der Widerstand und die Juden