Jugendworkshop 2018: Wie eine Reise in die Vergangenheit

Eine Zeitreise in die Geschichte scheint auf dem ersten Blick eine Fiktion zu sein. Es ist nicht möglich, per Knopfdruck in die Welt der Vergangenheit zu gelangen, aber der durch die Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944 e.V. organisierte Jugendworkshop hat nicht nur das Wissen der Teilnehmer bezüglich der Funktionsweise des NS-Staates erweitern können, sondern ermöglichte einen Einblick in die Problematik des Widerstandes durch tiefergehende Beschäftigung mit dessen Protagonisten.

Von Vaneh Andresian, Nils Peterson und Gabriel Weiß

Der Workshop “Herrschaftschaos im NS-Staat und der Widerstand gegen Hitler” brachte vom 23. bis 25. November Studenten, Schüler und junge Geschichtsbegeisterte nach Berlin. Die verbindende Kraft war ihre Faszination für Geschichte, das Interesse daran, die Vergangenheit besser kennenzulernen und vorhandene und vergangene Strukturen zu analysieren. Durch die Gegenüberstellung der Herrschaftsstrukturen des Nationalsozialismus und der Funktionsweise rechtsstaatlichen Staatswesens, gelang es den Teilnehmern, ein tieferes Verständnis für die Organisation des NS-Staates auszubilden. Dies wurde möglich durch das angebotene Programm, welches sowohl Vorträge, Diskussionen als auch einen Ausstellungsbesuch vorsah.

Der Workshop begann mit einer Vorstellung des Films “Der Hauptmann” (2017). Dieser hinterließ auf alle Anwesenden einen starken emotionalen Eindruck und führte zu einer lebhaften Debatte über die Konsequenzen eines Systems, das nicht durch Recht, sondern nur durch Nähe zur Macht definiert ist.

Nach einer erholsamen Nacht und einem ausgiebigen Frühstück in der Jugendherberge Berlin-Ostkreuz, die auch sonst den Tagungsort gestellt hat, ging es gemeinsam zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock. Hier, an einem der zentralen Orte des Aufstandes vom 20. Juli 1944 und dessen NIederschlagung, wurden den Teilnehmern durch Vorträge der Historiker Prof. Dr. Ulrich von Hehl und Daniel Müller die Mechanismen der Unrechtsherrschaft während des sogenannten “Dritten Reiches” nähergebracht.

Darauf folgte dann ein Planspiel. Hierzu wurden den Teilnehmern acht ausgewählte Persönlichkeiten der dritten Kreisauer Tagung vorgestellt. Auf dieser Tagung vom 12. bis 14. Juli 1943 erarbeiteten die Freunde und Gäste des Grafen von Moltke “Grundsätze für die Neuordnung Deutschlands”, in welchen die Vorstellungen und Pläne der Teilnehmer für ein Deutschland nach dem Krieg festgehalten wurden. Die Tagungsgruppe setzte sich aus Vertretern der unterschiedlichsten sozialen, sowie politischen Gruppierungen der Opposition gegen Hitler zusammen, wobei jeder der Anwesenden eine bewegte und außergewöhnliche Biographie vorweisen konnte, die ihn von den anderen unterschied. Aufgabe der Teilnehmer des Workshops war es nun, sich jeweils in eine der Persönlichkeiten hineinzuversetzen und diese bei einer Nachstellung der Diskussion darzustellen. Es wurden zwei parallele Gruppen gebildet, in denen jeweils Helmuth James Graf von Moltke als Diskussionsleiter, sein konservativer Freund Peter Graf Yorck von Wartenburg, der protestantische Pfarrer Harald Poelchau, der Diplomat Adam von Trott zu Solz, der Jesuitenpater Alfred Delp, sowie die Sozialdemokraten Julius Leber und Carlo Mierendorff vertreten waren. Wie während der historischen Tagung wurde auch hier angeregt diskutiert und mehrere sehr unterschiedliche Standpunkte mussten miteinander abgestimmt werden. Obwohl mit den Teilnehmern verschiedene politische und soziale Gruppen miteinander debattierten, stand nicht die Kontroverse im Vordergrund, sondern die allgemeine Bereitschaft zu und Suche nach Kompromissen, mit denen sich alle Teilnehmer der Tagung identifizieren konnten.

Am Folgetag fanden sich die Gruppen erneut zur Diskussion zusammen und verfassten ihren Entwurf der “Grundsätze für die Neuordnung Deutschlands”, welche sie anschließend im Plenum vorstellten. Beide Gruppen waren zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, was wohl auch mit der gleichen Rollenverteilung und somit gleichen Kompromissmöglichkeiten zusammenhing. Die Verarbeitung der Erfahrungen der NS-Herrschaft hatte zur Folge, dass beide Gruppen die Prinzipien des Rechtsstaates und vor allem die Rechte, Freiheiten und Würde des Menschen als unverbrüchliche Grundlage ihres Entwurfes festlegten. Auch sollten wirtschaftlich-soziale Grundsätze jeglicher Massenverarmung und möglicher Radikalisierung der Bevölkerung vorbeugen. Auf politischer Ebene favorisierten beide Gruppen eine Gewaltenteilung und einen föderalistischen Aufbau Deutschlands unter dem Prinzip der Subsidiarität.

Es schloss sich eine Abschlussdiskussion zum Thema der Wirkungskraft und letztlich der Bedeutung der Kreisauer Beschlüsse an. Wie bei allen Widerstandsgruppen im Dritten Reich ist dies eine sehr schwierige Frage, da sie die schwierigen Fragen “Was ist Widerstand?” und “Ab wann hat Widerstand etwas erreicht?” enthält, über die alleine ein breites Spektrum an Meinungen existiert. Abschließend fiel die Bewertung insoweit positiv aus, dass zwar ein direkter Erfolg gegen Hitler ausblieb, jedoch die Ergebnisse von Kreisau nicht vergebens waren für die Zeit nach dem Krieg. Hier wird schon die Methode der weitgehenden Integration aller politischen und sozialen Gruppen in einen Neuordnungsentwurf vorweggenommen, wie wir ihn später bei den Beratungen zum Grundgesetz beobachten können. Auch die Notwendigkeit, sich nicht auf rein kontingent festgelegte Artikel einer Verfassung zu verlassen, sondern weitergehende, den Bereich des metaphysischen berührende Grundsätze, wie die Würde des Menschen, die wir aus Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes kennen als unverbrüchliche Grundlage des gesamten Staatswesens zu setzen, ist bereits Ergebnis der Kreisauer Tagungen gewesen.

Damit endete dann ein sehr interessantes Wochenende, das durch die Forschungsgemeinschaft und spezifisch Daniel Müller sehr fachmännisch gestaltet wurde und für das wir, als Teilnehmer des Workshops, allen Beteiligten danken wollen.